Der Begriff "Antisemitismus" wurde 1879 von Wilhelm Marr in seiner Hetzschrift "Der Sieg des Judentums über das Germanentum" geprägt. Marr und seine Gesinnungsgenossen bezeichneten mit "Antisemitismus" ein gesellschafts- und kulturpolitisches Programm, das sie propagierten: Dass nämlich die Zerstörung des "germanischen Erbes" durch die "jüdische", "zersetzende" Aufklärung rückgängig gemacht werden müsste.
Wörtlich genommen ist "Antisemitismus", sprich: "Semitenfeindschaft", also: Feindschaft gegen alle Völker der semitischen Sprachgruppe (die Bezeichnung "semitisch" bezieht sich auf die biblische Figur Sem, den ältesten Sohn Noahs), ein höchst irreführender Begriff: Weil die semitische Sprachgruppe das antike Phönizisch ebenso umfasst wie das biblische Hebräisch und das heutige Arabisch, ist das Konzept einer Feindschaft gegen "Semiten" absurd. Genauso absurd wie alle Versuche scheinbar natürlich gegebene oder geschichtlich entstandene Merkmale für diejenigen festzulegen, um die es dem Antisemitismus eigentlich geht und gegen die sich seine Feindschaft in der Hauptsache richtet: die Juden.
Antisemitismus heißt also nichts anderes als Judenhass. Dabei sind Antisemitismus und Rassismus zwar häufig gemeinsam auftretende Phänomene, die aber ihrem Inhalt und ihren Zielen nach unterschieden werden müssen: Nicht jeder Antisemit bekennt sich offen zum Rassismus, insbesondere also dem Glauben an die Überlegenheit derjenigen Menschenkategorie, der man sich selber zurechnet. Jeder bekennende Rassist hingegen zeigt zwangsläufig antisemitische Neigungen: Einfach deswegen, weil der Glaube an natürliche Hierarchien, die sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit niederschlagen müssten, immer von der Realität enttäuscht werden muss - wenn sich nämlich zeigt, dass bspw. Weiss-Sein und Deutsch-Sein nicht das automatische Eintrittsbillet zu gehobenen Positionen bedeutet. Dann braucht der Rassist jemand, der die vorgeblich natürliche Ordnung der Rassen gestört und entstellt hätte. Diesen Jemand findet der Rassist in dem und in denen, die er für "jüdisch" bzw. Juden hält. Die Juden stellen also in dieser Vorstellung keine wirkliche Rasse, sondern die widernatürliche "Gegenrasse" zu allen anderen natürlichen dar (Der Begriff "Gegenrasse" geht auf den Nazi-Ideologen Rosenberg und sein Hauptwerk "Mythus des 20.Jahrhunderts", 1930) zurück: Dementsprechend will der Antisemit die Juden weder als Sklaven unterjochen, noch sich räumlich und kulturell von ihnen abschotten. Es genügt ihm auch nicht, sie in andere Länder auszuweisen, denn schließlich stünde der "Gegenrasse" kein Land zu in der natürlichen Ordnung der Erde (eine Auffassung, die der Zionismus praktisch zu widerlegen trachtete): Letzten Endes zielt damit aller Antisemitismus in der Konsequenz seiner Auffassungen auf die Vernichtung der Juden - zur Ausführung gekommen im vom deutschen Nationalsozialismus verbrochenen Holocaust, der Shoa für die Juden Europas. Die Vernichtung ist sich dabei ihr eigener politischer Zweck und nicht eine Begleiterscheinung eines wie auch immer grausam ausgeführten ökonomischen Vorhabens der Arbeitskraftgewinnung (wie bspw. bei der Versklavung der Schwarzafrikaner) oder der Landnahme (wie bspw. bei den Kriegen gegen die Indianer).
Im Zentrum des antisemitischen Ideologie steht stets der Stereotyp, d.h. das durch Fakten unbeeinflussbare, schematische Vorurteil über die Juden als Träger eines "jüdischen Prinzips". Dieses den Juden als Charaktereigenschaft angedichtete Prinzip soll aufs Zerstören oder Verhindern einer natürlichen und/oder göttlichen Ordnung der Gesellschaft zielen. Die antijüdischen Legenden haben ihre Wurzeln in der Antike: Die Israeliten als Anhänger der ältesten streng monotheistischen Gesetzesreligion, d.h. einer Religion, der zufolge ein einziger, unsichtbarer Gott Grundgebote des menschlichen Zusammenlebens setzt, wollten nicht den römischen Kaiser als Gott verehren. Ihre diesbezügliche Bekehrungsunwilligkeit machte sie sowohl zu potentiellen Staatsfeinden im römischen Reich (dem das Staatsgebiet des heutigen Israel und das Westjordanland damals angegliedert war) als auch zu verhassten Konkurrenten anderer populärer religiöser Strömungen jener Zeit. Viel von dieser Feindseligkeit ging in die neutestamentarische Darstellung der Passion Christi ein und bot das Arsenal für die antisemitische Propaganda im Mittelalter: Juden wurden als "Christusmörder" in Pogromen, d.h. mörderischen Ausschreitungen gebrandschatzt, vergewaltigt und erschlagen. Doch die religiöse Raserei hatte noch einen anderen Hintergrund. Da den Juden in der mittelalterlichen Stadt die Ausübung "ehrbarer" Handwerksberufe verboten war, blieb ihnen häufig nur eine kleine Gruppe schlecht angesehener Erwerbsquellen, u. a. der Geldverleih: Geriet der Kreditnehmer in wirtschaftliche Schwierigkeiten war es ein Leichtes, den Kreditgeber zum Sündenbock zu machen und die Schulden durch Mord und Totschlag zu tilgen. So gaben in den Augen der Judenhasser die Juden nicht nur die Übeltäter der biblischen Heilsgeschichte ab, sondern mussten auch für die Krise der feudalen Wirtschafts- und Sozialordnung büßen. Seit damals, als das Hassbild vom "Wucherjuden" aufkam, ist der Scheingegensatz von – wie es später bei den Nazis hieß - "schaffendem" und "raffendendem Kapital", von "ehrlicher Arbeit" und "unehrlichen Zinsen" nicht mehr aus dem Arsenal antisemitischer Vorurteile wegzudenken. Dieser stereotype Gegensatz entstand bezeichnenderweise erst, als Kredit- und Kapitalverträge sich in der spätmittelalterlichen Gesellschaft durchzusetzen begannen und jüdische Händler sich in der Rolle des Konkurrenten wiederfanden. Zugleich wollten Theologen wie Martin Luther in Schoss und Zins das Grundübel ihrer Zeit im Rang einer Todsünde erkannt haben und machten "die Juden" dafür verantwortlich, es in die Welt gesetzt zu haben.
Auch der im 7. Jhrdt. entstehende Islam steht dem Judentum feindselig gegenüber, wohl gerade weil er sich doch auf dessen Schriften stützt: Juden gelten hier als Verfälscher von Gottes Wort und als Feinde des Religionsstifters Mohammed, die sogar versucht hätten, den Propheten zu ermorden.
Im Einzugsbereich von Islam und Christentum besaßen die Juden einen minderen Rechtsstatus und waren letzlich von Schutz und Gnade der jeweiligen Herrscher abhängig. Die Existenz jüdischer Gemeinden in der Diaspora wurde häufig als Störung des den beiden Religionen von Gott offenbarten Siegeszuges empfunden. In der Diaspora, wörtlich: in der "Zerstreung", d. h. außerhalb des historischen Israels, lebten die Juden, nachdem die Römer sie nach der Eroberung Jerusalems (70 n.C.) in alle Ecken des Reiches eben zu zerstreuen versucht hatten. Eine zweite Fluchtwelle der Israeliten aus ihrer Heimat folgte der arabischen Invasion im ausgehenden 7. Jhrdt (doch entgegen gängiger Vorurteile lebten in Israel stets und ununterbrochen Juden).
Den Pogromen an den meist im Ghetto, also einem abgetrennten Wohnbezirk, leben müssenden Juden ging immer das Anschwellen der antisemitischen Gerüchte voraus: Das Gerede von der sexuellen Sündhaftigkeit der Juden, vom Ritual- und Kindsmord, den sie angeblich begehen sollten, waren beileibe nicht alles - immer verquickt mit der Vorstellung des angeblichen "jüdischen Wuchers" reichten die Unterstellungen vom Vampirismus über Brunnenvergiftung und Krankheitszauber bis zur Verschwörung zur Geheimherrschaft. Insbesondere letzteres Gerücht kennzeichnet antisemitische Propaganda bis heute: In der Vermutung einer verborgenen Weltherrschaft der Juden mittels Geheimbünden oder im Stereotyp der jüdisch kontrollierten US-Banken in der New Yorker Wall Street (Klassiker des Weltherrschaftsphantasmas sind die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion", ein Machwerk des zaristischen Geheimdienstes, das sich noch heute großer Beliebtheit erfreut; aber auch die Kindsmordlegende ist noch aktuell: Seit 2003 verbreitet derlei eine Hetzserie des syrischen Fernsehens medial in der ganzen arabischen Welt).
Aus einer solchen Sicht folgt dann notwendig eine blutige Heilserwartung, die der Nationalsozialismus später dann auch in die Tat umzusetzen suchte: dass nämlich mit der Ermordung der Juden alle Strukturprobleme der Welt beseitigt wären, dass mit diesem Massenmord die "Endlösung" erreicht würde.
Nicht nur der bizarr-abstruse Charakter antisemitischer Vorstellungen, sondern auch ihre starre Unwandelbarkeit im Laufe der Jahrtausende, ihr Fortbestand auch im Zeitalter der Säkularisierung, d.h. des Rückzugs der Religion sowohl aus der staatlichen Ordnung als auch den gesellschaftlichen Normen, sprechen vor allem für eines – und das ist die wichtigste Erkenntnis über den Antisemitismus: Der Antisemitismus gibt nicht Auskunft über sein Objekt, die Juden, sondern über sein Subjekt, den Antisemiten. Was der Antisemit beim Juden vermutet, ist Abbild seiner eigenen Phantasie; die den Juden unterstellten Verbrechen möchte der Antisemit in Wirklichkeit an ihnen begehen. Der berühmte französische Philosoph Jean Paul Sartre sagte deshalb: "Nicht die Erfahrung schafft den Begriff des Juden, sondern das Vorurteil fälscht die Erfahrung. Wenn es keinen Juden gäbe - der Antisemit würde ihn erfinden."
Die militärische Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands 1945 und die erfolgreiche Gründung des modernen Israels 1948 haben die Anziehungskraft antisemitischer Vorurteile auf Dauer nicht schwächen können. Insbesondere das Phänomen des "neuen Antisemitismus" gibt in den letzten Jahren großen Anlass zur Besorgnis: "neu" sind dabei nicht die Vorstellungen, die sind nämlich die immer gleichen – neu sind die Milieus, in denen die besagten Stereotype größtenteils unwidersprochen gepflegt werden: Jenseits des bekannten Spektrums des Rechtsextremismus sind Problemfelder entstanden, die erst langsam öffentlich als solche wahrgenommen werden: Esoterik, "Anti-Imperialismus" und Islamismus.
Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung